Mission

Mission: Avramopoulos

Sehr geehrter Herr Avramopoulos,

Sie sind unser EU Kommissar für Migration und Inneres und damit verantwortlich für Menschen auf der Flucht. „Das Herz des europäischen Projektes ist es, das Leben von Migranten zu schützen“ - Das waren Ihre Worte zu Beginn des Jahres. Wir fragen uns: Wann werden Sie Menschenrechte und Flüchtlingsschutz priorisieren? Wie viele Menschen müssen noch an unseren Außengrenzen sterben?

Vor kurzem haben Sie mit den Innenminister_innen von Deutschland, Frankreich und Italien einen ‘Action-Plan‘ zur Eindämmung der Migration über das Mittelmeer beschlossen. Wir sind entsetzt, dass Europa seine Linie der Abschottung fortsetzt. Es wurden weitere Subventionen an eine sogenannte Libysche Küstenwache beschlossen. Libyen soll seine Südgrenzen für Geflüchtete schließen und Frontex wird verstärkt an Abschiebungen aus Europa mitwirken. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag erwägt ein Ermittlungsverfahren gegen die von der EU ausgerüstete und ausgebildete Libysche Küstenwache, weil sie vermehrt gegen das Internationale Seerecht und die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen hat. Schutzsuchende und die zivilen Seenotrettungsorganisationen wurden durch das Vorgehen der Libyschen Küstenwache in den vergangenen Monaten immer wieder Gefahren ausgesetzt. Deshalb muss eine Kooperation hinterfragt werden.

Es existiert bereits ein gemeinsamer Verhaltenskodex mit den anderen Seenotrettungsorganisationen, der die wesentlichen Punkte bereits regelt.
Der nun vorgelegte Verhaltenskodex für SAR NGOs, der angeblich für die Sicherheit von Bootsmigrant_innen und uns als Seenotrettungsinitiativen dienen soll, ist unverhältnismäßig. Zudem haben wir haben bereits das Internationale Seerecht, das Non-refoulement Prinzip, die Menschenrechte und das Flüchtlingsrecht. Dass keine zivilen Organisationen bei diesem neuen Entscheidungsprozess miteinbezogen worden sind ist mehr als unverständlich. Mehrere Punkte im Kodex sind besonders kritisch. Wenn wir z.B. nicht mehr Gerettete an andere Boote übergeben dürfen, sondern selbst zum sicheren Hafen bringen müssen, heißt das in der Konsequenz: Weniger Rettungskapazitäten auf dem Mittelmeer - mehr Menschen werden sterben!

Ihr Posten als EU Flüchtlingskommissar hat laut ihrer Aufgabenbeschreibung die “Rettung von Menschenleben auf See und Sicherung der EU-Außengrenzen” als Priorität. Während jedoch derzeit die Sicherung der EU-Außengrenzen perfektioniert wird, taucht die Rettung von Menschenleben in Ihrer Agenda schlicht nicht auf. Wenn es für Schutzsuchende legale und sichere Wege nach Europa gäbe, gäbe es keine Notwendigkeit mehr, den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer antreten zu müssen.

Solidarität mit Italien? Ja, aber wir fordern auch Solidarität mit Menschen auf der Flucht. Pro-aktive Seenotrettung der EU ist dringend notwendig: Im Mittelmeerraum sind allein dieses Jahr bereits 2,257 Menschen vermisst oder tot. Mit den Worten von Pro Asyl: “Dies alles ist ein menschenrechtliches und humanitäres Versagen”.

Herr Avramopoulos, Taten sind lauter als Worte.

Ablauf einer Mission

Nachdem ein Boot in Seenot lokalisiert wurde, entweder durch aktive Suche mit Fernglas und Radargerät, oder durch das Rettungskoordinationszentrum (MRCC) in Rom, bleibt die IUVENTA in angemessener Entfernung vom Boot in Seenot. Währenddessen nähern sich die RIBs (Rigid Inflatable Boat) dem Boot vom Heck aus und verteilen die Rettungswesten.
Eines der RIBs beginnt dann, Personen an Bord der IUVENTA zu bringen, während das andere immer mit dem Boot in Kontakt bleibt. Bei Gelegenheit bringen die RIBs das Boot längsseits zur IUVENTA zur direkten Einstieg.
Einmal an Bord werden die gerettete Personen mit ärztlicher Hilfe und vor allem Trinkwasser und leichter Kost versorgt.
Größere NGO oder Schiffe der italienischen Küstenwache bringen unsere geretteten Personen an Land.

Archiv

Mission Donald Tusk

Sehr geehrter Herr Donald Tusk,
Wir fragen uns: Für welches Europa stehen Sie als EU Ratspräsident?
Ihre Worte zum Flüchtlingsschutz und aktiver Seenotrettung auf dem Mittelmeer werden immer härter. Haben Sie im April 2015 noch das Verhindern weiterer Tote auf der Mittelmeerroute als oberste Priorität für die Europäische Gemeinschaft betont, so stehen sie seit Herbst 2015 für eine klare Abschottungspolitik der EU. Der damals “einfache” Zugang zu Europa nannten Sie einen der größten ‘Pull-Faktoren’.

Zugleich mahnten Sie Politiker_innen wie Angela Merkel die “Politik der offenen Türen zu korrigieren”. Auch haben Sie immer wieder das Bild der “Flüchtlingswelle” als Bedrohung für die Sicherheit der Europäischen Gemeinschaft in dem öffentlichen Diskurs betont. Diese Rhetorik verhilft den rechten Stimmen zu einem Gefühl der Legitimation, eine Anti-Flüchtlings-Stimmung wird zunehmens gesellschaftlich akzeptiert. Dies muss aufhören, die Politik darf solche Denkmuster nicht auch noch indirekt fördern.

Sie fordern zwar eine dringende Solidarität innerhalb der EU Mitgliedsstaaten, aber nicht bzgl. einer verantwortlich handelnden Asylpolitik oder einer staatlich organisierten Seenotrettung - sie wollen Solidarität beim Grenzschutz, damit das Schengen-System nicht in Gefahr gerät. Solidarität mit Menschen auf der Flucht - das ist unsere dringliche Bitte an Sie, Herr EU Ratspräsident!

Das aktuelle Abkommen zwischen Italien und Libyen wurde von Ihnen sehr begrüßt. Auf dem Malta-Gipfel betonten Sie, dass die Kernwerte unserer Gesellschaft in Gefahr seien, wenn die Überfahrten auf dem Mittelmeer kein Ende finden. Die irreguläre Migration würde den rechten Parteien für die großen Wahlen in mehreren EU Staaten zum Erfolg verhelfen.
Da stimmen wir Ihnen nicht zu, es ist die zu leise Unterstützung für den Schutz der Menschen und gegen Rassismus seitens der politischen Entscheidungsträger_innen, die die Werte wanken lassen. Wir stehen für das Recht auf Leben, Rettung aus Seenot und Asyl. Wir brauchen Politiker_innen die Mitgefühl und die menschliche Würde in ihrer Politik widerspiegeln.
Herr Tusk, Taten sind lauter als Worte!

Hochachtungsvoll,
Jugend Rettet

Mission Hirsi Jamaa

Wir kritisieren die, die ignorieren.

Liebe Unterstützer_innen,
Unsere vergangenen Missionen richteten sich an staatliche Akteure, mit der Bitte uns zu helfen und Menschen aus Seenot zu retten. Aufgrund der letzten Ereignisse benennen wir unsere 6. Mission nach einem Präzedenzfall.
Hirsi Jamaa steht für einen Fall, der sich 2009 ereignete: Über 200 eritreische und somalische Geflüchtete wurden 35 Seemeilen südlich von Lampedusa vom italienischen Zoll und der Küstenwache aufgegriffen und nach Tripolis gebracht. Begründet wurde es mit einem Rückführungsabkommen. Daraufhin reichten 24 Personen Klage beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ein. 2012 wurde Italien daraufhin zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt. Der italienische Staat hätte die Geflüchteten nicht nach Libyen zurückführen dürfen, da niemand der Folter oder unmenschlicher Strafe ausgesetzt werden darf. (Art. 3 EMRK) Aktuell werden genau diese illegalen Push-Back Aktionen von der libyschen Küstenwache unter Anwendung von Gewalt wiederholt. Diese Aktionen, wie sie in der Vergangenheit durchgeführt wurden, sind für Menschen in Seenot gefährlich. Auch Rettungseinheiten vor Ort geraten dabei ins Kreuzfeuer.
Menschen in internationalen Gewässern werden ohne rechtliche Grundlage nach Libyen zurückgeführt. Aktuell ist Libyen kein sicherer Hafen nach Genfer Konventionen.

“[...] Nach Libyen zurückschicken ist unmöglich. Die Lage in Libyen ermöglicht es nicht, weil es nicht als ein sicheres Land betrachtet werden kann. Zur Zeit sind solche Bedingungen nicht erfüllt. [...]” - Fabrice Leggeri, Link, 16.05.2017

Weder wir, noch andere Schiffe, dürfen gesetzlich Menschen in Seenot dorthin bringen.
Mit Sorge betrachten wir nun die Pläne einer libyschen Rettungsleitstelle: Die verantwortungslosen “Rettungsmethoden” der Libyschen Küstenwache und völkerrechtswidrigen Rückführungen ziehen in vielen Fällen schwere Menschenrechtsverstöße in libyschen Internierungslagern nach sich. Zudem sehen wir zunehmend die Sicherheit unserer Crew und der Geflüchteten auf den Booten in Gefahr.

Anstatt Menschenrechtsverstöße durch die Libysche Küstenwache wissentlich in Kauf zu nehmen, müssen die Europäischen Regierungen endlich ihrer Verantwortung für die Toten an ihren Außengrenzen gerecht werden. Jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot.

Mission Mogherini

Liebe Frau Mogherini,

„Europe is what we make of it“ - das bewarben Sie Ende März beim 60. Jahrestag der Römischen Verträge. Doch was wird aus Europa gemacht? Mit unserer Arbeit zumindest versuchen wir, Europa solidarisch und human zu gestalten: Wir fahren raus auf das Mittelmeer und retten Menschen vor der europäischen Grenze, weil wir das Sterben nicht tatenlos hinnehmen wollen.

Aber wir vermissen die Unterstützung der EU vor Ort, während wir im Einsatz sind. Wir beobachten zur Zeit im Mittelmeer eine Entwicklung, die unserers Vorstellung eines menschlichen und gerechten Europas widerspricht: Die europäische Politik legt den Fokus auf Grenzschließung. Mit der Schließung der Balkanroute und dem EU-Türkei-Deal hat man die flüchtenden Menschen mehr und mehr auf die gefährliche Mittelmeerroute getrieben. Anstatt sich jetzt der hausgemachten Notsituation im Mittelmeer mit Seenotrettungsprogrammen zu stellen, setzt die EU auf ein befremdliches Abkommen mit dem zerrütteten Bürgerkriegsland Libyen. Wieder basiert das Konzept auf der Schließung von Grenzen – als hätte man in den letzten Monaten nichts dazugelernt.

Die Ausbildung der libyschen Küstenwache durch die EU erntet aus guten Gründen von vielen Seiten Kritik: Bereits 2016 zeigten Angriffe der libyschen Küstenwache auf die Schiffe von MSF und Sea Watch, dass diese unberechenbar ist. Das Land ist gespalten, es gibt keine einheitliche Regierung, viele rivalisierende Gruppen kämpfen um Macht – das spiegelt sich auch in der Küstenwache wieder. Mit wem kooperiert die EU da eigentlich?

Erst letzte Woche gab es abermals einen Zwischenfall: Außerhalb des libyschen Hoheitsgewässers intervenierte ein Patrouillenschiff aus Libyen in einen Rettungseinsatz von Sea Watch. Dabei wurde sie beinah vom libyschen Schiff gerammt. Die libyschen Einheiten schleppten mehrere Flüchtenden zurück in ihr Territorialgewässer um sie zurück nach Libyen zu bringen. Sie haben damit mit intern ationalem Recht gebrochen.

Was macht es aus Europa, wenn wir Kooperationspartner_innen haben, die geltendes Recht missachten? Wenn wir Abkommen mit Ländern schließen, in denen Menschenrechte nicht durchgesetzt werden? Wenn die EU nicht einmal selbst nicht in der Lage ist, Menschenrechte durchzusetzen? Wenn das fundamentale Menschenrecht auf Leben, Freiheit und Sicherheit auf dem Mittelmeer keine Geltung zu haben scheint?

Das ist nicht unser Europa. Wir fordern Sie auf, sich für eine menschenwürdige Asylpolitik einzusetzen: Solange es keine legalen Einreisemöglichkeit für flüchtende Menschen gibt, muss es zumindest ein umfassendes Seenotrettungsprogramm der EU geben. Denn solange es solche Programme nicht gibt, werden die Menschen vor den Toren Europas sterben. Wir sind vor Ort aktiv um dem entgegenzuwirken. Aber auch wir stoßen an unsere Grenzen: Die letzten Wochen haben deutlich gemacht, dass Seenotrettung nicht allein durch NGOs gestemmt werden kann.

Wir benennen diese Mission bewusst nach Ihnen. Wir sehen uns in der Position, eine Aufgabe übernehmen zu müssen, die die EU vernachlässigt: Die Rettung von Menschen aus akuter Lebensgefahr.

Wir wünsche uns ein Europa, das Verantwortung übernimmt und für das fundamentale Recht auf Leben und Sicherheit einsteht. Dafür braucht es sinnvolle Maßnahmen wie ein europäisches Seenotrettungsprogramm, das die Notsituation vor Ort entschärft. Wir freuen uns, wenn Sie, Frau Mogherini, sich mit uns zusammensetzen um über solche Maßnahmen und unsere Erfahrungen vor Ort zu sprechen.

Mit freundlichen Grüßen, ihr Jugend Rettet Team

Mission Leggeri

Lieber Fabrice Leggeri,

laut der Sprecherin Ihrer Behörde, Ewa Moncure, habe Frontex uns SAR-NGOs nie kritisiert. Sie würden ja nur die Situation vor Ort beobachten und da sei Ihnen aufgefallen, dass Migranten in Seenot nicht wie in den Jahren zuvor das MRCC anrufen und trotzdem von Schiffen gerettet werden würden. Die Unterstellung, NGOs seien der Grund für den Anstieg an Flüchtenden im Mittelmeer („Pull-Faktor“) und der steigenden Todeszahl, schwingt bei dieser Aussage immer noch mit.

Wir haben am Osterwochenende auch einige Beobachtungen gemacht: An nur einem Wochenende wurden ca. 8.000 Menschen in seeuntüchtigen Booten lokalisiert und gerettet. An den Rettungseinsätzen waren 25 Schiffe beteiligt, davon eines von Frontex, eins von der EU-Mission Sophia und zehn von SAR-NGOs. Trotz der gesendeten Maydays der NGOs, welche auch Ihre Schiffe per Funk gehört haben, wurden von Ihrer Seite her keine weiteren Schiffe zur Seenotrettung abgestellt.

Für einige Menschen kam an diesem Wochenende die Hilfe zu spät: Abermals setzte sich das Sterben auf dem Mittelmeer fort, obgleich die NGOs unermüdlich gearbeitet haben und dabei an ihre Belastungsgrenzen gestoßen sind. Wir fragen uns, ob das Sterben nicht hätte verhindert werden können. Und wieso von Ihren 11 Schiffen, die im Mittelmeer im Einsatz sind, nur eines an den Rettungseinsätzen beteiligt war.

Außerdem fragen wir uns, warum Sie Ihre Bedenken nicht mit uns persönlich diskutieren, Stattdessen wenden Sie sich mit Ihren Vorwürfen lieber an die Presse. Dabei stehen wir von Anfang an für ein klärendes Gespräch unter Erwachsenen zur Verfügung. Leider hatten Sie und Ihre Behörde sich bisher zu keinem Treffen bereit erklärt.

Das Osterwochenende hat abermals gezeigt, dass wir Hilfe leisten müssen, weil staatliche Akteur_innen nicht vor Ort sind. Und deswegen benennen wir unsere vierte Mission nach Ihnen: Die Grenzsicherung darf niemals über der Pflicht stehen, Menschen aus Lebensgefahr zu retten. Wir fordern, dass sich politische Maßnahmen zum Umgang mit der aktuellen Fluchtbewegung endlich nach humanitären Maßstäben richten.

Jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot!

Mission Sebastian Kurz

DIE DRITTE MISSION 2017

Erkennen sie die Not der Menschen an, Herr Kurz

Erst im März haben Sie davon gesprochen, dass der „NGO-Wahnsinn“ im Mittelmeer beendet werden müsse. Wir würden uns auch freuen, wenn unsere Arbeit überflüssig werden würde. Aber nicht so! Weil Sie die Not der Menschen nicht anerkennen wollen und lieber ein isoliertes Europa sehen möchten, handeln wir dort, wo Sie es nicht tun. Und benennen deshalb unsere Mission nach Ihnen!

Wir kritisieren schon seit dem Beginn unseres Projekts die Tatsache, dass private Initiativen die Aufgabe der Seenotrettung übernehmen müssen. Leider gibt es jedoch von staatlicher Seite keine Maßnahmen, die dem Leid und der Not der flüchtenden Menschen entgegenwirken: Es existieren weder umfassende staatliche Seenotrettungsprogramme, noch Maßnahmen, die der illegalisierten Migration vernünftige Einreisemöglichkeiten entgegensetzten. Stattdessen versuchen die EU-Regierungen den Missstand auf dem Mittelmeer schlicht aus dem Blickfeld der europäischen Gemeinschaft zu schaffen. Ihre Forderungen, die flüchtenden Menschen nach australischem Vorbild in Lagern außerhalb der EU unterzubringen, schießt genau in dieselbe Richtung: Auffanglager in Nordafrika und der Ausbau der europäischen Grenzsicherung wird die Not der Menschen nicht beenden und das Problem nicht lösen.

Die Schließung der Balkanroute, an der Sie so eifrig gearbeitet haben, steht sinnbildlich dafür, dass solche politischen Maßnahmen vollkommen unzweckmäßig sind. Das Vorgehen, das Sie auch noch als Erfolg titulieren, hat schlichtweg dafür gesorgt, dass sich die Fluchtrouten verlagert haben und mittlerweile mehrere tausend Flüchtende in Griechenland festsitzen. Die Schließung hat weder zu einer Verbesserung für diese Menschen geführt, noch die Migrationsbewegung positiv beeinflusst. Nun werben Sie für die Schließung der Mittelmeerroute. Für ein Europa ohne Geflüchtete, ohne Empathie und ohne moralisches Bewusstsein. Australien lässt Geflüchtete in menschenunwürdigen Unterkünften auf abgeschotteten Inseln versauern. Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig von gewaltvollen Attacken, Vergewaltigungen und Missbrauch von Kindern in diesen Lagern. Soll das ernsthaft das Vorbild für europäische Asylpolitik sein?

Sie klagen an, dass die NGOs im Mittelmeer die Partner der Schlepper seien. Denn auf Grund fehlender Alternativen sind flüchtende Menschen erst gezwungen ihr Leben Schleppern anzuvertrauen. Vielleicht sollten Sie mal über diese Kausalkette nachdenken, anstatt den Organisationen, die Menschen vor dem Ertrinken bewahren, die Schuld in die Schuhe zu schieben.

18.04.17: Statement zu den Ereignissen des Osterwochenendes

Die letzten Tage waren für unsere Crew eine harte Belastungsprobe. Durch professionelle Arbeit und eine Kombination aus der nötigen Ruhe und guter Zusammenarbeit konnte unser Team alle Personen, die sich an Bord der IUVENTA und in ihrer unmittelbaren Nähe befanden, sicher an ein Schiff von “Save the Children”, die Vos Hestia, übergeben. Die HelferInnen sind hierbei in den letzten Stunden an ihr Maximum gegangen. Es geht ihnen jedoch den Umständen entsprechend gut und sie befinden sich auf dem Rückweg zu unserem Basishafen auf Malta.

Entscheidend für die Situation am Ostersonntag waren die Ereignisse am Samstag, den 15.4.2017: wie unsere Crew berichtete befanden sich rund 3000 Menschen zeitgleich in Seenot, nachdem schon in den Vortagen 2000-3000 Menschen im SAR-Gebiet eintrafen. Nach Angaben der italienischen Küstenwache kamen insgesamt 7000 Menschen am 15. und 16.4.2017 im Einsatzgebiet an. Das hat alle vorhandenen Einsatzkräfte maximal gefordert und dazu geführt, dass auch große NGO-Schiffe wie die Aquarius von SOS MEDITERRANEE und die Phoenix von MOAS nach kürzester Zeit keine Menschen mehr aufnehmen konnten. Somit mussten mehrere große NGO-Schiffe nacheinander das Einsatzgebiet mit Menschen an Bord verlassen, um diese an Land zu bringen. Die Iuventa, die sea-eye.org und die Phoenix (MOAS) blieben daraufhin alleine in der SAR-Zone zurück.

Geflüchtete an der Deck der IUVENTA Geflüchtete an der Deck der IUVENTA

Nachdem die IUVENTA am Samstag 800 gerettete Menschen an ein Marineschiff übergeben hatte, nahmen sie über Nacht zum Sonntag 309 Personen in ihre Obhut. Ein Teil konnte an Bord genommen werden, andere wurden in Rettungsinseln versorgt. Zu dieser Zeit befanden sich zusätzlich noch schätzungsweise 400 Personen in ihrer Nähe in Seenot und ohne Aussicht auf ausreichende Hilfe. Außerdem wurde von offizieller Seite berichtet, dass noch 5 weitere Schlauchboote mit schätzungsweise 600 Menschen auf dem Weg ins Einsatzgebiet waren. In Zusammenarbeit mit den noch anwesenden SAR-Einheiten versorgte die IUVENTA den ganzen Tag über die umliegende Schlauch- und Holzboote mit Schwimmwesten und Rettungsinseln. Menschen wurden medizinisch versorgt. Am Mittag des Tages waren alle Rettungsmittel ausgebracht, die Ressourcen am Ende. Doch noch längst nicht alle waren in Sicherheit. Durch diese außergewöhnlichen Umstände der Rettung fand sich die Iuventa in einer extremen Ausnahmesituation wieder. Auch die Sea Eye und die Phoenix waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit Menschen an Bord vollkommen ausgelastet. Das MRCC in Rom sendete mehrfach Schiffe zur Abnahme und einem Transfer der Menschen, jedoch trafen diese unterwegs selbst auf Seenotfälle. Durch aufkommendes schlechtes Wetter und keine Aussicht auf Assistenz spitzte sich die Lage weiter zu.

Die extremen See- und Wetterbedingungen bedrohten hier besonders die Personen, die nicht mehr unter Deck der IUVENTA untergebracht werden konnten. Um die Iuventa herum schwammen nämlich aufgrund fehlender Kapazität an Bord zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Schlauch- und Holzboote sowie mehrere Rettungsinseln, die für die Geretteten ausgelegt worden waren. Diese besonders hohe Anzahl von Menschen in Seenot ist kein neues Phänomen für zivile Hilfsorganisationen - nichtsdestotrotz zeigt das vergangene Wochenende, wie dramatisch die Lage auf dem Mittelmeer sich zuspitzt und wie dringend politisches Handeln gefragt ist.

Tanker "Stemnitsa" auf der linken Seite. Tanker "Stemnitsa" auf der linken Seite.

Die ganze Nacht über standen unsere Crew und das Team Berlin mit dem MRCC Rom in Verhandlung, um eine gemeinsame Lösung zu finden. In der Nacht stellte die Leitstelle der IUVENTA zusätzlich den 250 Meter langen Tanker “Stemnitsa” als Begleitung ab. In seinem Wind- und Wellenschatten konnte die IUVENTA mit geringer Geschwindigkeit sehr langsam Richtung Norden fahren, um an einem vereinbarten Punkt die Vos Hestia zu treffen. Die Geretteten haben die Nacht durch diese praktische Hilfe auch an Deck und auf dem Wasser halbwegs gut überstanden. Viele von ihnen wurden durch die direkte Konfrontation mit den schlechten Wetterbedingungen jedoch an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Zwei der acht schwangeren Frauen an Bord waren in kritischer Verfassung und das medizinische Team von R@inbow for Africa - R4A versorgte sie im Hospital der IUVENTA.

Dass das MRCC Probleme hatte, der IUVENTA ein Schiff zur Verfügung zu stellen, an das die Geretteten abgeben werden konnten, führen wir auf deren Überlastung zurück. Sie sind in diesen Situationen ebenso so wie wir nur in der Lage mit dem zu arbeiten, was ihnen zur Verfügung steht. Dass zu wenige Schiffe für Tage wie diese zum Einsatz stehen, zeigt erneut deutlich, wie dringend und unausweichlich eine gesamteuropäische Lösung für diese Situation ist.

Unser Kapitän Kai Kaltegärtner beschreibt die Entwicklungen an Bord wie folgt:
In den Morgenstunden des Sonntags haben wir von mehreren Schlauchbooten 250 Personen abgeborgen und auf der Iuventa aufgenommen. Während dieses Vorganges näherte sich im Dunkeln ein weiteres Holzboot mit über 700 Menschen an Bord. Das Boot versuchte längsseits der IUVENTA anzulegen. Ich habe durch ein Ausweichmanöver eine Kollision oder das Längsseitskommen abwenden können. Allerdings sprangen durch die fehlende Distanz zu unserem Schiff und ausbrechende Panik knapp 50 Personen ins Wasser und kletterten an Deck der IUVENTA. Durch diesen Umstand kam es zu einer plötzlichen Überfüllung an Bord, die unsere Kapazitäten sprengte. Alle anderen Einheiten waren zu diesem Zeitpunkt ebenfalls überfüllt und in der direkten Umgebung befanden sich mehrere hundert Menschen in Lebensgefahr, um die wir uns durch unsere eigene Überfüllung nicht mehr fachgemäß kümmern konnten. Die angeforderte Unterstützung, um die Menschen zu übergeben, blieb über 12 Stunden hinweg aus. Durch das zunehmend schlechtere Wetter wurden die Personen an Deck und in den Schlauchbooten und Rettungsinseln um uns herum zusätzlich konkret gefährdet. Aufgrund dieser Entwicklungen habe ich die Entscheidung gefällt, Hilfe mit einem Mayday, anzufordern.

Seit Gründung des Vereins haben wir darauf hingewiesen, dass die private Seenotrettung aktuell vorhandene staatliche Lücken füllt. Unsere Forderung nach einem Seenotrettungsprogramm der EU bleibt im Zuge der Entwicklungen der letzten Tage aktueller denn je. Obwohl unser Verein seit einem Jahr zivile Seenotrettung ausübt, ist keine Verbesserung der Lage in Sicht. Die NGOs wiederum können immer wieder unter bestimmten Umständen an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Dies zeigen die extremen Zahlen der letzten Tage: So haben wir als private Organisation innerhalb von drei Tagen 2.147 Menschen mit Rettungsmitteln versorgt. Die Europäische Union muss hier Unterstützung leisten und sich an der Seenotrettung von Menschen auf der Flucht mit einem klaren Mandat beteiligen. Die alleinige Konzentration auf die Beseitigung der Schleppernetzwerke hilft nicht den Menschen, die in diesem Moment vor Krieg und Gewalt fliehen müssen. Ihre Leben dürfen zu keinem Zeitpunkt für eine Politik der Abschreckung und geschlossene Grenzen aufs Spiel gesetzt werden.

Weitere Informationen und Statements von Crew und Kapitän folgen in den kommenden Tagen. Aus gegebenem Anlass brauchen sie nach diesem tagelangen Extremeinsatz einen Moment Ruhe auf der Fahrt nach Malta.

Mission Von der Leyen

DIE ZWEITE MISSION 2017

Wir fordern ein staatliche Seenotrettungsprogramm, Frau von der Leyen!
Seit Beginn der Mission Sophia jagen die Schiffe der Marine ein Phantom - Schlepper auf dem Mittelmeer.
Anstatt mit 42,3 Millionen Euro Menschen aus Seenot zu retten, dürfen die Schiffe nicht aktiv die Suche und Rettung betreiben. Stattdessen müssen wir für die Politiker_innen auf See die Verantwortung übernehmen!
Frau von der Leyen hat 2015 die Schiffe mit diesem öffentlichen Auftrag der Suche und Rettung ins Seegebiet vor Libyen geschickt. Übrig geblieben ist von ihren Versprechen nur ein Mandat zur Schlepperbekämpfung. Das Wort ‘Rescue’ taucht im Mandatstext nirgends mehr auf. Für die nächsten zwei Wochen werden wir ihre Worte Wahrheit werden lassen und Seenotrettung betreiben.

Brief an Frau Von der Leyen

Mission De Maizière

Mission De Maizière Wellenhintergrund

DIE ERSTE MISSION 2017

Als junge Europäer_innen übernehmen wir den Job von politischen Akteuren, die auf der Basis von europäischen Werten Verantwortung tragen müssten. Doch wir können nicht weiter zuschauen, wie die Verantwortung vor der Festung Europas abgewälzt wird.
Wir investieren ehrenamtlich die Zeit und Energie, um für unser Europa einzustehen. Und wenn Menschen an unsere Grenzen sterben, gibt es für uns nur eine Lösung: Man rettet sie.

Wir fragen uns: Wenn wir ein Schiff kaufen können, es umbauen und eine professionelle Crew organisieren um Menschen aus Seenot retten - warum können politische Entscheidungsträger uns diese Aufgabe nicht abnehmen?

Ab sofort werden wir unsere Missionen genau den Menschen widmen, deren Verantwortung wir zur Zeit auf See übernehmen. Unsere erste Mission soll deshalb Thomas De Maizière gewidmet werden.

Wenn dir das Innenministerium aufeinmal schreibt... Teil 1
Wenn dir das Innenministerium aufeinmal schreibt... Teil 2